Geht es nur uns so, oder ist der Sommer inzwischen die kürzeste Jahreszeit geworden? Kaum sind die Gartenmöbel aufgebaut, die Fahrräder aus dem Keller geholt und die ersten Abende auf der Terrasse verbracht, tauchen in den Geschäften bereits Schulranzen, Lebkuchen und Weihnachtsdekoration auf. Der Kalender behauptet zwar etwas anderes, gefühlt liegen zwischen dem ersten Eis des Jahres und den ersten Dominosteinen oft nur wenige Wochen.
Dabei war das früher irgendwie anders. Zumindest in unserer Erinnerung. Die Sommerferien schienen kein Ende zu nehmen. Sechs Wochen waren eine kleine Ewigkeit. Jeder Tag versprach ein neues Abenteuer, und die Zeit schien sich nach den Ferien auszurichten. Ob Freibad, Bolzplatz, Zelten im Garten oder Fahrradtouren bis zum Sonnenuntergang – der Sommer war kein kurzer Abschnitt im Kalender, sondern ein Lebensgefühl.
Heute erleben viele genau das Gegenteil. Der Alltag ist schneller geworden, dichter getaktet und voller Termine. Zwischen Beruf, Familie, Verpflichtungen und den unzähligen kleinen Dingen, die erledigt werden wollen, rauschen die Wochen vorbei. Selbst der Urlaub scheint manchmal kaum begonnen zu haben, bevor er schon wieder Geschichte ist. Kaum zurück am Arbeitsplatz, fragt jemand beiläufig: „Und, schon Pläne für Weihnachten?“
Vielleicht täuscht uns die Erinnerung. Wissenschaftler beschäftigen sich seit Jahren mit dem Phänomen, dass Zeit im Alter scheinbar immer schneller vergeht. Neue Eindrücke prägen unser Gedächtnis stärker als Routinen. Kinder erleben ständig etwas zum ersten Mal – Erwachsene dagegen bewegen sich oft in vertrauten Abläufen. Rückblickend wirkt ein Sommer voller neuer Erfahrungen deshalb länger als einer, der zwischen Videokonferenzen, Supermarkt und Wocheneinkauf verschwindet.
Dazu kommt ein Zeitgeist, der ständig nach vorne schaut. Kaum endet eine Saison, beginnt bereits die nächste. Die Mode präsentiert Herbstkollektionen, während draußen noch 30 Grad herrschen. Im Supermarkt liegen Spekulatius neben Grillkohle, und in den sozialen Medien jagt ein Trend den nächsten. Kaum haben wir den Sommer richtig wahrgenommen, scheint die Welt schon den Countdown bis zum Jahresende zu starten.
Vielleicht entsteht genau daraus das Gefühl des Winterblues – lange bevor der Winter überhaupt begonnen hat. Nicht die dunklen Tage allein drücken auf die Stimmung, sondern das Bewusstsein, dass schon wieder ein Sommer vergangen ist. Einer, auf den wir uns monatelang gefreut haben und der viel zu schnell vorübergezogen ist.
Doch vielleicht lohnt sich gerade jetzt ein Perspektivwechsel. Jede Jahreszeit hat ihre eigene Sprache. Der Herbst schenkt uns klare Luft, bunte Landschaften und die ersten gemütlichen Abende. Er entschleunigt ein wenig und erinnert uns daran, dass nicht jeder Tag spektakulär sein muss, um wertvoll zu sein. Vielleicht liegt das Geheimnis gar nicht darin, den Sommer festhalten zu wollen. Sondern darin, den Moment bewusster wahrzunehmen – ganz gleich, welche Jahreszeit gerade vor der Tür steht.
Und Weihnachten? Ja, es kommt wie jedes Jahr schneller, als uns lieb ist. Aber bis dahin bleibt noch genügend Zeit für einen sonnigen Nachmittag, einen Kaffee im Straßencafé, eine Fahrradtour oder einen Abend mit Freunden im Biergarten. Vielleicht sollten wir genau diese Momente sammeln. Denn am Ende sind es nicht die Monate, die zu kurz sind – sondern oft die Augenblicke, die wir viel zu schnell vorbeiziehen lassen.
Also, genießt die Vorweihnachtszeit! 😉
Herzlichst, wo immer Ihr seid
Elke Siedentopf & Dirk Sork
(Foto: Sven Schulze)