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Editorial

KIR ROYAL –

KIR ROYAL –

GLANZ, GIER UND EIN HAUCH VON GESTERN:

Es gibt Fernsehserien, die unterhalten. Serien, die den Nerv ihrer Zeit treffen – und solche, die ihn überdauern und bleiben. „Kir Royal“, die legendäre Serie von Helmut Dietl gehört zweifellos zur zweiten Kategorie. Was der Regisseur Mitte der Achtziger auf die Bildschirme brachte, ist heute mehr als nur ein Stück Fernsehgeschichte – es ist ein Zeitdokument, scharf beobachtet, brillant geschrieben und erstaunlich zeitlos. Heute ist sie darüber hinaus ein Blick in eine Welt, die uns gleichzeitig vertraut und erstaunlich fremd erscheint.

Im Mittelpunkt steht Baby Schimmerlos, Klatschreporter, Zyniker und Chronist einer schillernden Münchner Gesellschaft, in der Geld, Macht und Eitelkeit den Ton angeben. Schon in der ersten Folge fällt jener legendäre Satz, der bis heute nachhallt: „Ich scheiß dich so was von zu mit meinem Geld!“ – eine verbale Ohrfeige, die den Ton der Serie setzt. Ein Zitat, das bis heute sinnbildlich für die Dekadenz und Rücksichtslosigkeit jener Welt steht. Hier wird nichts beschönigt. Hier regiert das große Ego. Und hier zeigt sich eine Welt, in der Moral oft nur eine Randnotiz ist.

„Kir Royal“ lebt von seinen Figuren – überzeichnet und doch erschreckend nah an der Realität. Und sie lebt von Schauspielern, die diese Figuren mit Leben gefüllt haben. Allen voran Mario Adorf, dessen Präsenz jede Szene verdichtete. Sein Tod markiert nicht nur das Ende einer beeindruckenden Karriere, sondern ruft auch eine Ära in Erinnerung, in der Schauspiel noch von einer ganz eigenen Wucht und Unmittelbarkeit geprägt war. Der Schauspieler stand für Charakter, für Kante – und genau das spiegelt sich auch in „Kir Royal“ wider. Adorf verkörperte wie kaum ein anderer jene Mischung aus Macht, Charisma und Abgründigkeit, die „Kir Royal“ so besonders machte.

Wer die Serie heute sieht, entdeckt jedoch noch etwas anderes: ein Lebensgefühl, das sich deutlich von unserem heutigen unterscheidet. Die Achtziger wirken in vielerlei Hinsicht hemmungsloser. Es wurde gefeiert, getrunken – und geraucht. Überall. In Büros, Restaurants, Hotelbars. Der Zigarettenrauch gehörte zur Inszenierung von Macht und Lässigkeit fast schon dazu. Der blaue Dunst war allgegenwärtig, fast schon ein Symbol für einen Lebensstil, der sich wenig um Konsequenzen scherte. Was damals als selbstverständlich galt, würde heute Stirnrunzeln auslösen.

Und genau hier zeigt sich, wie sehr sich unser Zeitgeist verändert hat. Themen wie Gesundheit, Nachhaltigkeit und bewusster Konsum prägen unseren Alltag stärker denn je. Wo früher Exzess oft als Ausdruck von Erfolg galt, steht heute eher die Balance im Vordergrund. Die Welt ist schneller, digitaler und vielleicht auch kontrollierter geworden.

Doch bei aller Distanz: Die Mechanismen, die „Kir Royal“ seziert, sind geblieben. Die Jagd nach Aufmerksamkeit, der Reiz von Glamour, das Spiel mit Macht und Einfluss – all das hat lediglich neue Bühnen gefunden. Aus der Münchner Schickeria sind globale Netzwerke geworden, aus Klatschspalten Social Media. Der Mensch dahinter jedoch ist derselbe geblieben.

Vielleicht ist es genau diese Mischung aus Nostalgie und Aktualität, die „Kir Royal“ bis heute so sehenswert macht. Die Serie erlaubt uns einen Blick zurück – und gleichzeitig einen Blick auf uns selbst. Sie unterhält, sie überzeichnet, sie entlarvt. Und sie erinnert daran, dass jede Zeit ihren eigenen Glanz hat – und ihren eigenen Preis.

Ein bisschen Nostalgie, ein bisschen Erkenntnis – und ganz viel großes Fernsehen.

Ein ganz Großer hat die Bühne verlassen. R.I.P. Mario Adorf.

Herzlichst, wo immer Ihr seid

Elke Siedentopf & Dirk Sork

(Foto: Sven Schulze)

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