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TI AMO

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Howard Carpendale wird 80! Eine Zahl, bei der man heute kurz innehält, früher respektvoll schwieg und heute erst einmal googelt, wie fit man mit 80 eigentlich noch sein darf, ohne dass es gleich als „inspirierend“ gilt. Achtzig – das ist heute kein Alter mehr, sondern eine Verhandlungsmasse. Man darf 80 sein, solange man sportlich aussieht, geistig jung wirkt, technisch anschlussfähig bleibt und bitte nicht zu oft „früher“ sagt. Wer das nicht erfüllt, wird freundlich ausgeblendet.

Howard Carpendale ist ein Sonderfall. Er ist älter als die Fernbedienung, jünger als sein Image und zeitloser als so mancher Trend, der auf TikTok nicht mal eine Woche überlebt. Während Moden kamen und gingen – Schlaghosen, Schulterpolster, Slim Fit, wieder Schlaghosen – stand er da, geschniegelt, gelassen, leicht gebräunt, und sang unbeirrt von Gefühlen. Ohne Ironie. Ohne Hashtag.

Während Karrieren heute im Halbjahresrhythmus geplant, zerstört und wiederbelebt werden, steht er da wie ein gut gebautes Reihenhaus aus den Siebzigern: nicht hip, aber stabil. Und plötzlich wieder gefragt. Das allein macht ihn heute fast schon revolutionär.

Denn der Zeitgeist hat sich verändert. Früher war ein Star jemand, der lange blieb. Heute ist es jemand, der kurz viral geht. Damals bedeutete Relevanz, Jahrzehnte durchzuhalten; heute reicht es, einen Algorithmus zu überlisten. Howard Carpendale hat noch in einer Zeit Karriere gemacht, in der Skandale nicht geplant waren, Comebacks nicht im Jahresrhythmus stattfanden und man Interviews gab, ohne dabei gleichzeitig eine Marke zu „positionieren“.

Howard Carpendale hat diesen Wandel einfach ignoriert – und genau das macht ihn heute so irritierend aktuell. Howie sagt einfach: „Ich singe!“ Und das reicht.

Er stammt aus einer Zeit, in der Popmusik keine gesellschaftliche Debatte eröffnen musste, um gültig zu sein. Gefühle waren keine Schwäche, Kitsch kein Makel, Beständigkeit kein Karrierefehler. Man konnte ein Leben lang dasselbe tun – und darin immer besser werden. Heute gilt Stillstand als Verdacht, Kontinuität als Mangel an Fantasie.

Vielleicht irritiert uns Carpendale deshalb so angenehm. Weil er nicht versucht, mitzuhalten. Weil er nicht so tut, als wäre er jünger, als er ist. Weil er sich nicht ständig neu erfindet, sondern einfach bleibt. In einer Zeit permanenter Selbstoptimierung ist das fast schon provokant.

Denn wir leben in einer Gegenwart, in der alles bewertet wird. Meinungen, Menschen, Biografien. Relevanz ist flüchtig, Aufmerksamkeit nervös, Empörung stets einsatzbereit. Popstars sind Projektionsflächen, Aktivisten wider Willen, Dauererklärer ihrer eigenen Existenz. Wer nichts sagt, sagt angeblich zu viel. Wer etwas sagt, sagt garantiert das Falsche.

Und wir? Wir haben gelernt, alles sofort einzuordnen: problematisch, ikonisch, cringe, retro. Howard Carpendale entzieht sich dem erstaunlich souverän. Er ist einfach da. War er immer. Wird er vermutlich bleiben. Wie ein musikalischer Orientierungspunkt zwischen Discokugel und Streaming-Abo.

Ironischerweise passt er damit besser in unsere Gegenwart, als man denkt. In einer Zeit, in der alles laut ist, ist Beständigkeit plötzlich wieder cool. In einer Welt permanenter Selbstoptimierung wirkt jemand, der mit 80 sagt: „Ich mach das noch, weil ich Lust drauf habe“, fast subversiv.

Vielleicht feiern wir also gar nicht nur Howard Carpendale.

Howie, alles Gute zum 80.!

Herzlichst, wo immer Ihr seid

Elke Siedentopf & Dirk Sork

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